Diebstein oder Malefikantenstein in Gösing

Der Diebstein, in der Mundart auch "Doibstoa" genannt, ist ein quadratischer Kalksandstein mit kultureller und geschichtlicher Bedeutung. Er liegt in der Ried "Diebstein" südöstlich von Gösing an einem alten Fahrweg nach Engelmannsbrunn an der Grenze der Ortschaften Fels und Gösing. Der Stein gehört zu Gösing und ist bei jeder Grenzbeschreibung Ausgangspunkt bzw. Stein Nr. 1. Urkundlich erstmals erwähnt am 2. April 1582 ist er wahrscheinlich schon älter.

Quelle: NÖ Landesarchiv - NÖ-Weisthümer

Gösing, Diebstein [Foto: Archiv Leuthner]

Gedenktafel

Herr Ludwig Leuthner wanderte im Jänner 1998 mit etlichen Felser zu diesem Kulturdenkmal und erzählte dieser Gruppe interessante Details über Banntaiding und Gerichtsbarkeit. Sein Wissen darüber holte er sich in mühevollen Recherchen im Landesarchiv von St. Pölten.

Von der Gemeinde Fels am Wagram wurde im Jahre 1999 am Diebstein eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:

Diebstein auch Malefikantenstein.
Dieser Stein wurde bereits am 2. April 1582 erstmals urkundlich erwähnt. Hier wurden die Malefizpersonen = Übeltäter, die Mord, Raub, Brandlegung, Notzucht begangen hatten vom Dorfgericht an das Landgericht übergeben. Nächste urkundliche Erwähnung, die Felser Grenzbeschreibung vom 27. August 1787.
"Ein Stein bei welchem die Gösinger die Malefikanten übergeben." (Zitat aus der Urkunde) 

Rast am Diebstein

Solide Bänke und ein Tisch aus einem alten Pressbaum, gefertigt von Herrn "Bertl" Breyer, laden den Wanderer zu einer Rast ein. An schönen Tagen hat man einen wunderbaren Ausblick ins Voralpenland.

Aufgabe der Diebsteine

Diebsteine stehen an der Gerichtsgrenze oder Gemeindegrenze, wo die Malefikanten (Malefizperson = Übeltäter) die Mord, Einbruch, Raub, Brandlegung, Totschlag, Notzucht, Ehebruch begangen hatten, an das Landgericht (II. Instanz) Hochgericht oder Blutgericht übergeben wurden.

Diebsteine gab es auch in anderen Ortschaften wie in Neustift, Mallon, Ruppersthal, Dörfl, Mitterstockstall, Kollersdorf, Thürnthal und Fels.

In den Banntaidinghandschriften sind die Übergabestellen, die auch bei Brücken, Marterl und Kreuzen lagen, genau bezeichnet. Eine Überlieferung aus der jüngeren Vergangenheit gibt es im Flurnamenbuch von Ing. Franz Mann über den Diebstein in Dörfel vor dem Haus Nr. 20. Herr Delapina, Kaufmann in Kirchberg, geb. 1882, hörte noch von seinem Großvater, dass die Malefikanten vom Gemeindediener zu diesem Diebstein geführt und dort mit Stockhieben und den Worten "so, du Lump, jetzt schau, daß d'weiter und nimmer z'rückkommst", verabschiedet wurden. 

Felser Freyheit

Beschreibung der Freyheit Felß um die Gränzen
Von nachstehenden Steinen,
 (anno 1787 Josefinische Fassion.) 

Nr. 1 auf der sogenannten Loyser Straße im Fahrtweg, so die Felser und Feuersbrunner Freyheit scheidet.
Nr. 2 der sogenannte Diebstein, welcher obige 2 Freyheiten scheidet.
Nr. 32 ein Hauptstein, und der Thirnthaler Diebstein, bei dem weissen Kreuz und des Georg Paradeiser seinen Gärtl, wodurch ebenfalls bemelte 2 Freyheiten geschieden werden. 
Anmerkung: Bis zum Jahre 1968, stand rund um die Dreifaltigkeitssäule, Parkstrasse Thürnthal, ein Holzhaus (Familie Kolar, später Steininger Herbert). Beim Abriss des Hauses und Beiseiteschaffen des Schuttes verschwand auch der Diebstein, er wurde "entsorgt"; der Hauptstein steht derzeit bei der Familie Passecker im Vorgarten.

Nr. 52 ein Stein, bei welchem die Gösinger die Malificanten übergeben, zwischen den Pachmayr, und Paradeiser von Gösing seinen Acker so obbemelte 2 Freyheiten scheidet. 

Gösinger Freyheit

Gränzbeschreibung am 6. Sept. 1787, Josefinische-Fassion.
Der Gösinger Freyheit. 

Nr. 1. Der Diebs-Stein genannt, wovon die Gemarch Strecke bis in den Ganaus zur Felser-Freyheit und Marchstein
Nr. 2 gehet - Schritte sein 152.
Nr. 68 Ein Marchstein zeiget in einer starken Krümmung bis auf den Diebs-Stein Nr. 1. Schritte sind 268.

In jedem Weistum (auch in Gösing) findet sich folgender Rechtsfall: Wenn der Ortsrichter einen Dieb gefangen hatte, konnte er den ganzen Besitz des Diebes behalten und musste ihn zwei Tage gefangen halten. Erst am dritten Tage sollte dann der Dieb an einer genau bezeichneten Stelle dem Landrichter übergeben werden. War der Landrichter aber nicht an diesem Platze, so wurde er dreimal gerufen. Wenn er auch jetzt noch nicht erschien, dann wurde der Dieb mit einem "rüeghalm" (dieses Wort hat nichts mit Roggenhalm zu tun, wie in einer Abhandlung zu lesen ist, es bedeutet vielmehr Halm als symbolische Fesselung eines Verbrechers bei der Übergabe an ein Gericht) oder mit einem "kranken" Zwirnsfaden an den Händen gebunden und laufen gelassen! 
"kumbt der Dieb davon, so ist man dem Landgericht nicht schuldig darumb".
Eine solche Übergabestelle war in Gösing beim Diebstein.